Prag 1989: Freiheits-Botschaft. Der Aufbruch nach Westen

Shownotes

Am Abend des 30. September 1989 tritt Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon des Palais Lobkowicz in Prag. „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ – Weiter kommt Genscher nicht: Der Jubel Tausender DDR-Bürger*innen verschluckt den Rest des Satzes.

In der dritten Folge der fünften historycast-Staffel „Über Grenzen. Transnationale Orte und Momente der Demokratiegeschichte“ spricht Almut Finck mit dem ehemaligen Diplomaten Wolfgang Ischinger über die dramatischen Tage in der Prager Botschaft. Ischinger war damals enger Mitarbeiter des westdeutschen Außenministers Genscher und betreute die Menschen, die in der Botschaft Zuflucht gesucht hatten.

Er erzählt von Kälte, Angst und Ungewissheit – und von jener Nacht, in der er einen Sonderzug mit mehreren Hundert Flüchtlingen durch die DDR begleitete. Die Fahrt, von der DDR-Führung als Machtdemonstration geplant, wurde zu einem sichtbaren Zeichen ihres Zerfalls. Als der Zug am Morgen im oberfränkischen Hof einfuhr, riefen die Menschen: „Freiheit! Freiheit!“

Die Folge fragt zugleich nach dem Erbe von 1989: Was bedeutete Freiheit damals? Und warum ist die Erinnerung an Flucht, Aufbruch und demokratische Selbstbestimmung heute so wichtig?

Wolfgang Ischinger zählt zu den profiliertesten deutschen Diplomaten seiner Generation. Er war Staatssekretär im Auswärtigen Amt und deutscher Botschafter in Washington und London. Von 2008 bis 2022 sowie erneut ab 2025 leitete er die Münchner Sicherheitskonferenz.

Dr. Almut Finck ist Radiojournalistin und Kulturwissenschaftlerin aus Berlin.

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Staffel 5, Folge 3 des historycast - was war, was wird? des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands e. V. Staffel 5 - Über Grenzen. Transnationale Orte und Momente der Demokratiegeschichte.

[http://geschichtslehrerverband.de]

Eine Kooperation mit der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte.

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TEASER

ISCHINGER: Im Morgengrauen fuhren wir über die Grenze. Von der Grenze nach Hof ist es nicht weit, das sind nur ganz wenige Kilometer. Man konnte ja schon an den Bahnschildern erkennen, aha, jetzt sind wir anscheinend auf westdeutschem Gebiet. Und ich kann Ihnen sagen, mein ganzer Zug, der bisher in entsetztem, panikartigem Schweigen verharrt hatte, alle steif gefroren durch diese eiskalte Nacht – plötzlich rissen die die Fenster auf – als sie merkten, jetzt haben wir die DDR hinter uns gelassen – rissen die Fenster auf, lehnten sich raus, als der Zug so langsam an Fahrt verlor und in den Bahnhof von Hof reinfuhr, und schrien zu vielen Hundert, schrien: Freiheit! Freiheit!

Was war – was wird

Der historycast des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands

Staffel 5: Über Grenzen. Transnationale Orte und Momente der Demokratiegeschichte

Folge 3: Prag 1989: Freiheits-Botschaft. Der Aufbruch nach Westen.

Almut Finck im Gespräch mit Wolfgang Ischinger

FINCK: Im Herbst 1989 spricht sich in der DDR herum: In der bundesdeutschen Botschaft in Prag finden Menschen Zuflucht, die ihr Land, die DDR, verlassen wollen. Und bald drängen sich auf dem Gelände mit Kindern, Koffern, Plastiktüten, Hunderte, bald sogar Tausende von Menschen in der Hoffnung, dass sie von hier aus in den Westen gelangen können. Sie harren aus, in Zelten, im Schlamm, bei Regen, bald auch bei Temperaturen, kaum über dem Gefrierpunkt. Trotz katastrophaler hygienischer Zustände, trotz Ungewissheit und Angst. Und dann, am Abend des 30. September um genau 18.59 Uhr, das habe ich nachgeguckt, stimmt, tritt Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon des Palais Lobkowitz und sagt den wohl berühmtesten unvollendeten Satz der deutschen Nachkriegsgeschichte. 13 Worte. Genscher sagt: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise ...“ – und der Rest geht dann bekanntermaßen im Jubel unter. Kein Mensch kann verstehen, was Genscher noch sagt …

FINCK Was dann folgt, ist ein logistisches und ein politisches Wagnis. 14 Sonderzüge, die die Menschen aus der Prager Botschaft über das Gebiet der DDR in die Bundesrepublik bringen. Die Menschen in einem dieser Züge hat damals Wolfgang Ischinger begleitet. Ischinger, Jurist und Diplomat, war nach 1989 Staatssekretär, stellvertretender Außenminister unter Joschka Fischer. Er war Botschafter in den USA und in Großbritannien und von 2008 bis 2022, sowie aktuell wieder, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. Und in jenem Herbst 1989 war Wolfgang Ischinger enger persönlicher Mitarbeiter Genschers in dessen außenpolitischem Umfeld und in Prag zuständig unter anderem für die Betreuung der Botschaftsflüchtlinge. Ich freue mich sehr, Herr Ischinger, heute mit Ihnen über die Tage damals in Prag reden zu können, über das diplomatische Ringen hinter Genschers berühmtem Halbsatz, über die Nacht im Zug in die Freiheit und darüber, warum diese Botschaft in einem fremden Land heute als Ort deutscher und europäischer Demokratiegeschichte gilt. Herzlich willkommen, Herr Ischinger, bei uns im historycast.

ISCHINGER: Ja, ich freue mich über diese Gelegenheit, über diese bemerkenswerten Ereignisse von 1989 mit Ihnen zu sprechen.

FINCK: Herr Ischinger, Sie haben mir im Vorgespräch schon gesagt, Sie waren nicht mit auf dem Balkon des Palais Lobkowitz, als der berühmte Halbsatz fiel. Wo waren Sie bzw. wann kamen Sie dann nach Prag?

ISCHINGER: Ja, schauen Sie, es war so: Kaum war diese schrecklich überfüllte Botschaft, das ist das Palais Lobkowitz, also ein klassisches Palais mit einem großen, parkartigen Garten und einer großen Mauer drum rum, kaum war das von den Flüchtlingen geräumt worden, die dann mit diesen Sonderzügen weggebracht wurden, da dachte man für ein paar Stunden, die Sache ist jetzt geregelt. Kaum hatte sich das rumgesprochen, füllte sich das Botschaftsgelände erneut, weil Hunderte, Tausende von DDR-Bürgern natürlich inzwischen gehört hatten, was sich da abgespielt hatte, und schnell alles hinter sich ließen, egal ob sie aus Berlin, Dresden, Rostock oder irgendwo kamen, und, wie auch immer, in irgendeiner Weise den Weg nach Prag fanden. Und nach drei Tagen war die Botschaft, wie wir damals so salopp sagten, schon wieder vollgelaufen. Mit Tausenden von Flüchtlingen. Und, Sie haben es ja in Ihrer Anmoderation gesagt, es war unglücklicherweise in diesen letzten September- oder ersten Oktober-Tagen des Jahres 89, auf Deutsch gesagt, saukalt, zum Teil wesentlich unter Null, nicht auszuhalten im Freien. Und wir waren gezwungen, also die Botschaft war gezwungen, nur Frauen mit Kleinstkindern, Babys, oder schwangere Frauen ins Gebäude reinzulassen. Und die waren dann zum Teil im Heizkeller, im riesigen Heizkeller untergebracht. Und die Männer, sozusagen die „wehrfähigen“ Männer, viele waren ja auch – relativ junge Männer dabei, die mussten tatsächlich im Zelt, in diesem Parkgelände, übernachten. Also es war unerträglich. Es gab auch nur ganz wenige Toiletten für diese Tausenden von Leuten.

FINCK: Ich habe gelesen irgendwo, die mussten anderthalb bis zwei Stunden anstehen, wenn sie einmal …

ISCHINGER: Wenn Sie das mal einmal machen, geht es vielleicht, aber wenn Sie das über Tage machen müssen, ist das wirklich der größte Stress, den man sich vorstellen kann. Ohne dass man weiß, wie es weitergeht!

FINCK: Wann begann das, dass so viele Flüchtlinge in die Botschaft kamen? Ja nicht nur in Prag, sondern auch in Budapest und in Warschau. Und warum eigentlich? Seit Mai 1989 wurden die Sperranlagen zwischen Ungarn und Österreich abgebaut, dann kam es im August zu diesem legendären paneuropäischen Picknick. Es gab also die Möglichkeit schon auszureisen. Warum nahmen die Menschen das trotzdem auf sich, dort unter diesen fürchterlichen Bedingungen in der Botschaft auszuharren – und überhaupt erst mal dort reinzukommen?

ISCHINGER: Ich glaube, dass die meisten dieser Flüchtlinge sich nicht ein klares Bild machen konnten, wie hätten sie auch, unter welchen Bedingungen und wie lange sie da sich würden aufhalten müssen. Ich glaube, da herrschte in der ersten Phase tatsächlich die Verzweiflung, ich will jetzt raus, und ich will nichts mehr verpassen, und aus irgendwelchen Gründen kann ich den Weg über Ungarn nicht gehen. Ich kann aber beispielsweise von Dresden, da ist es ja nicht so weit, da kann man mit dem eigenen Trabi bis zur Grenze fahren, oder vielleicht kann man sogar über die Grenze fahren in die damalige Tschechoslowakei. Und dann wird man da irgendwie einen Weg finden. Also, ich habe das empfunden wie einen verzweifelten Aufschrei. Jetzt helft uns einfach mal! Und in dieser Situation fanden wir uns. Und ich muss Ihnen sagen, im Rückblick denke ich, in meinem langen Diplomatenleben, man stellt sich natürlich gelegentlich die Frage, die stellen wir uns heute auch wieder, was kann Diplomatie eigentlich, wenn also nur Machtpolitik, nur Krieg, die Dinge entscheiden. Ja, in diesem Herbst ‘89 wurde Diplomatie wirklich in Großbuchstaben geschrieben und hat tatsächlich was bewirkt. Erstaunlicherweise, wurde es möglich.

FINCK: Jetzt haben Sie selber schon das Stichwort, mein nächstes, gegeben, Diplomatie in Großbuchstaben. Dieser Durchbruch am 30. September. Wem ist er denn zu verdanken? Gorbatschow, Schewardnadse, Genscher, dem Lauf der Dinge?

ISCHINGER: Da mussten mehrere Dinge zusammenkommen. Sicherlich die persönliche Begegnung zwischen dem damaligen bundesdeutschen Außenminister Genscher und seinem DDR-Kollegen Fischer in New York, es war ja gerade die UNO-Generalversammlung, die jedes Jahr in der zweiten Septemberhälfte tagt, da hatte man sich gesehen. Selbstverständlich spielten andere eine große Rolle, sicherlich auch die sowjetische Führung. Ich habe selbst erlebt, bei einer Begegnung mit dem damaligen sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, zwei Monate später, nach dem Mauerfall, wie Gorbatschow etwas herablassend sagte, der Honecker hatte ja gar nicht verstanden, dass er das alles immer falsch machte. Ich hatte dem ja schon die ganze Zeit gesagt, er kann diese DDR-Bevölkerung nicht wie unter einem Dampfkochtopfdeckel halten. Also, da gab es bestimmt auch Öffnungsdruck aus Moskau. Und dann hat der Bundeskanzler Kohl seine Rolle gespielt. Also, da kam einiges zusammen. Glücklicherweise genau in diesen Tagen. Das ist halt in der Diplomatie manchmal so, da müssen die positiven Elemente zusammenkommen, und dann plötzlich klappt es.

FINCK: War Ihnen, jetzt Ihnen persönlich, damals schon klar, als Sie dann auch mit dieser zweiten Gruppe sozusagen noch in der Botschaft ausharrten und als dieser Durchbruch auch erst mal gelungen war – war Ihnen damals schon klar, dass das nicht nur ein deutscher, sondern auch ein gesamteuropäischer Moment sein würde, der zu einem Umbruch führen würde?

ISCHINGER: Nein. Also, dass sich hier Dinge taten, dass sich hier Grenzen öffneten, die ungarisch-österreichische Grenze haben Sie ja schon erwähnt (…), übrigens gab es ja auch parallel dazu, zwar zahlenmäßig geringere, aber auch Flüchtlinge aus der DDR in unserer Botschaft in Warschau, es sind auch einige über die Grenze nach Polen gegangen. Also, dass sich da große Dinge taten, ja, habe ich damals verstanden. Dass das zur Wiedervereinigung führen könnte, weniger als ein Jahr später oder gerade mal ein Jahr später, dass das zum Niedergang, zum Zerfall der Sowjetunion führen würde – wenn ich ehrlich bin, nein. Soweit habe ich nicht denken können damals. Und ich glaube, nur die wenigsten haben das damals so kommen sehen.

Musikakzent

FINCK: Die DDRhat damals verlangt, dass die Züge, die dann ausreisen von Prag, nicht auf dem direkten Weg, sondern erst quasi einmal den Umweg über die DDR nehmen. Zwei Fragen: Warum haben die das gemacht, und warum hat Genscher das, wie er später mal gesagt hat, sofort akzeptiert?

ISCHINGER: Na ja, es war aus DDR-Sicht eine für die DDR nicht verhandelbare Vorbedingung. Und zwar gab es die Theorie im DDR-Denken, wer unser Land verlassen will, der macht es ja quasi strafbar. Ein guter Kommunist oder Sozialist wird doch diese großartige DDR nicht verlassen wollen. Also mit anderen Worten, wer das vorhat, der möchte ja nicht mehr einer von uns sein und der muss deshalb seine Staatsangehörigkeit, seine Zugehörigkeit zu unserem Staatswesen, vorher offiziell aufgeben. Und so kam diese Konstruktion zustande. Sie sagten also, nein, wenn die Flüchtlinge aus Prag, egal wie, mit Bussen oder mit Flugzeug oder mit dem Zug aus Prag direkt nach Deutschland, das wäre ja möglich gewesen, nach Westdeutschland gebracht worden wären, dann wären die ja in Westdeutschland noch als DDR-Bürger da angekommen. Und das war mit dieser schrägen Selbstachtung, die damals in Ostberlin herrschte, anscheinend nicht vereinbar. Also sagte man, der Zug muss über DDR-Territorium fahren, und während dieser Zugfahrt findet dann die Aufgabe der DDR-Staatsangehörigkeit durch jeden Einzelnen der Flüchtlinge statt. Und wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gerne schildern, wie das vor sich ging. Das war ein grauslicher Vorgang.

FINCK: Das machen wir gleich, wenn wir zu der Fahrt kommen, vorab nochmal zu dieser Regelung, die ja zunächst mal sehr kurios anmutet und in den Augen der DDR Stärke demonstrieren wollte, sollte – war das nicht letztlich was, was nach hinten losging? Das führte ja dazu, dass diese Züge quasi – Sie haben das mal so einen „Fackelzug der Demokratie“ genannt, und an den Wegen, am Wegrand, standen oft Leute, haben gewunken. In Dresden kam es dazu und auch woanders, dass Leute aufgesprungen sind. Im Grunde waren das Werbezüge, die durch die DDR fuhren, für die Bundesrepublik.

ISCHINGER: Es war der letzte Versuch seitens der DDR-Autoritäten, den Zerfall dieses Staatswesens aufzuhalten. Zwei Monate später, nämlich am 9. November, passierte dann ja die Maueröffnung. Die war ja auch nicht strategisch von langer Hand vorgeplant, wie wir heute wissen. als historische Fakten. Also es war der letzte Versuch des Aufbäumens, der nochmals Selbstvergewisserung, dass es eine DDR gibt. Und dass Leute, die diese DDR verlassen wollen, sich gefälligst an die Regeln der DDR zu halten haben. Also Staatsangehörigkeit abgeben, anders geht das nicht. Man kann nicht einfach beliebig ins Ausland reisen und dann erwarten, dass man als DDR-Bürger wieder zurückkommt. Sondern es geht nur mit Sondergenehmigung. So, und ich glaube, es war ein Schuss, wie wir sagen würden, ein Schuss in den Ofen, ein Schuss ins eigene Knie. Während der langen Zugfahrt waren an allen Bahnhöfen – meistens hielt der Zug ja gar nicht auf diesen Bahnhöfen, sondern fuhr durch – waren da hunderte von Polizisten oder bewaffnete Personen aufgebaut, weil man offenbar seitens der DDR befürchtete, dass der Zug irgendwie zum Halten gebracht wird und dass da noch mal ein paar tausend Leute aufspringen würden, um den Weg, wie wir sagen würden, in die Freiheit, aus deren Sicht in den kapitalistischen Westen, anzutreten.

FINCK: In Dresden kam es ja dann auch tatsächlich zu gewalttätigen Vorfällen.

ISCHINGER: Das habe ich selbst so gar nicht erlebt. Als mein Zug da durchfuhr, sah man, wie gesagt, nur alle zehn Meter einen bewaffneten Soldaten, sogar mit Hunden, da war es auf den Bahnsteigen totenstill. Also, diese Aufwallung, die konnte ich selbst mit meinem Zug nicht erleben. Aber es war natürlich allen Beteiligten, auch den Flüchtlingen, bekannt, was da passiert war. Und deswegen herrschte, schon bevor der Zug losfuhr, schon als wir die Flüchtlinge aus dem Botschaftsgelände mit Bussen zum Bahnhof bringen wollten, herrschte natürlich die nackte Angst. Weil die Flüchtlinge natürlich die Sorge hatten, werden wir hier vielleicht verraten und verratzt? Was ist denn, wenn wir jetzt durch die DDR fahren, wenn der Zug dann auf offener Fahrt angehalten wird und die DDR holt uns alle raus und verurteilt uns wegen Republikflucht oder irgend sowas? Also die Angst war spürbar. Das war das für mich besonders Bedrückende, aber auch Herausfordernde, eine Lage herbeizuführen, wo die Leute nicht in Panik geraten würden.

FINCK: Wie lief das ab? Schildern Sie mal! Diese langen Stunden, eine ganze Nacht lang, bis nach dann am Ende Hof, Nürnberg. Wie war die Atmosphäre? Und vor allen Dingen, was haben Sie gemacht? Das waren ja viele, viele Stunden.

ISCHINGER: Zunächst mal muss man sagen, das waren ja nicht Züge der Bundesbahn, sondern der damaligen DDR-Reichsbahn. Und die waren uns so zur Verfügung gestellt worden, in dieser wirklich eiskalten Nacht, dass es eine Heizung nicht gab. Es gab nichts zu trinken, nichts zu essen, gar nichts. Manche Leute hatten natürlich ein bisschen was mitgebracht, aber Sie können sich vorstellen, die Leute, die da seit Tagen in dem Botschaftsgelände campiert hatten, die hatten vielleicht gerade mal auch eine Flasche Wasser oder vielleicht noch ein Brötchen vom Roten Kreuz mitbekommen, also von wegen Verpflegung!

FINCK: Und waren wahrscheinlich ohnehin total übernächtigt.

ISCHINGER: Waren übernächtigt, waren wahnsinnig gestresst. Also wir fuhren los in Prag. Das waren ja mehrere Züge, ich hatte einen dieser Züge zu betreuen. Ich denke, ich habe es nicht genau nachgerechnet, ich denke, das waren irgendwo zwischen 500 und 1000 Menschen, die in einem dieser Züge waren. Ich habe dann meinen Gang durch die Abteile angetreten und habe mich in jedem Zugabteil vorgestellt und gesagt, mein Name ist Soundso. Ich bin hier euer diplomatischer Betreuer. Ich habe einen Diplomatenpass. Mir kann ohnehin gar nichts passieren. Macht euch mal keine Sorgen, ich bringe euch jetzt nach Westdeutschland. Ich wusste ganz genau, dass das natürlich, wie man in Bayern sagen würde, ein Schmäh war. Weil mir auch klar war, wenn die Vopos oder irgendjemand mich aus dem Zug holen würde, hätte ich ja auch nichts dagegen machen können. Ich hätte protestieren können, die Bundesregierung hätte protestiert können. Also das war wie so ein Gang übers Drahtseil, ein Drahtseilakt. Aber meine Aufgabe war, diesen knapp 1000 Leuten das Gefühl zu geben, wir sind hier beschützt, und uns passiert nichts. Das habe ich zumindest versucht. Bin also von Abteil zu Abteil gegangen, habe diese Message verbreitet, wir müssen diese Nacht jetzt durchhalten, wir kommen dann nach Hof in Bayern, und dann fängt euer neues Leben an. Und dann kam allerdings ein wichtiger Punkt. Mir war gesagt worden, mir und meinen Kollegen, die die anderen Züge zu betreuen hatten, es wird ja so sein, dass während der Fahrt durch die DDR der Zug dann irgendwann mal hält, und dann kommen DDR-Polizisten an Bord und werden den Flüchtlingen, darüber haben wir ja gerade gesprochen, ihre Ausweisdokumente abnehmen. 

FINCK: Und von dem Moment an sind die dann staatenlos.

ISCHINGER: Von dem Moment an sind die dann im Prinzip staatenlos, das war diese verquere DDR-Philosophie. Und für uns war die Frage, wie gehen wir denn jetzt mit Leuten um, die dann ohne Ausweispapiere bei uns ankommen. Wir sind ja auch ein ziemlich bürokratisch organisiertes Staatswesen, also da kratzten sich dann einige Leute am Kopf. Und die Lösung, die gefunden wurde, war eigentlich eine ganz praktische. Ich hatte so eine ganze Tonne Zettelchen mitgenommen und verteilte in den Abteilen diese Zettel – mit der Anweisung, nehmen Sie bitte, soweit Sie überhaupt einen Ausweis dabeihaben – manche der Flüchtlinge hatten ihre Ausweispapiere schon weggeschmissen, beim Schwimmen durch den Fluss, um von der DDR in die Tschechoslowakei zu kommen, aber viele hatten ihre Ausweispapiere – nehmen Sie ihren Ausweis und schreiben Sie alle Daten in dem Ausweis, also Ausweisnummer, Ihren genauen Namen, Geburtsdatum, was da so drinsteht in dem Ausweis.

FINCK: Heute hätte man gesagt, nehmen Sie Ihr Handy und machen ein Foto …

ISCHINGER: Gab‘s damals nicht. Schreiben Sie alles genau auf, auf den Zettel, und wenn wir dann bei uns in der Bundesrepublik ankommen, dann werden unsere Beamten diesen Zetteln quasi behandeln wie ein vorläufiges Ausweisdokument, und es wird dann aufgrund der Daten, die Sie da aufgeschrieben haben, ein bundesrepublikanischer Personalausweis ausgestellt, und zwar nicht erst in sechs Wochen, sondern das geht dann ganz schnell, das ist vorbereitet, dass sie das dann relativ schnell machen können. Das war die Theorie. Nun passierte Folgendes: Ich gehe also durch die Reihen, durch die Abteile, halte meine kleine Ansprache zur Beruhigung und wegen dieser Ausweisgeschichte. Und dann bin ich zwei Stunden später, da waren wir immer noch auf tschechoslowakischem Gebiet, bin ich nochmal durch die Reihen gegangen und habe so Stichproben gemacht. Sagte also in einem Abteil, hier, junger Mann, haben Sie Ihren Zettel schon ausgefüllt? Ja, sagte er, hab ich. Ich sagte, geben Sie mal her. Kann man das überhaupt lesen? Geben Sie mal Ihren Ausweis her. So, ich schaue mir also den Ausweis an, DDR-Ausweis und den Zettl. Und da steht also in dem Ausweis, steht Peter Müller, auf dem Zettel steht auch Peter Müller, und dann steht im Ausweis verheiratet, und auf dem Zettel steht ledig. Da habe ich gesagt, ja, also Herr Müller, es kann nicht beides gleichzeitig stimmen. Sind Sie jetzt verheiratet, oder sind Sie ledig? Wer ist denn die Dame, die da neben Ihnen sitzt? Ja, sagt er, das ist meine Freundin, meine Partnerin. Ich sage, Moment, aber mit der sind sie jetzt nicht verheiratet? Sind Sie denn geschieden? Nö. Aber, sagte er, mit meiner Frau, mit der ich verheiratet war, die habe ich ja nur deswegen geheiratet oder sie mich geheiratet, weil wir eine Wohnung brauchten, und man kriegte in der DDR nur eine gescheite Wohnung, wenn man nachweisen konnte, dass man nicht Einzelperson, sondern dass man zu zweit ist. Also, es war quasi eine Zweckehe, und jetzt habe ich ja eine neue Partnerin, jetzt fange ich ein neues Leben an. Ich sage, Um Gottes Willen! Herr Müller! Damit fangen sie nicht gut an, denn das ist dann schon mal Urkundenfälschung und Bigamie und so weiter. Da kommen sie ja in Teufels Küche. Also streichen Sie mal das mit dem ledig aus auf dem Zettel und schreiben Sie wahrheitsgemäß verheiratet rein.

FINCK: Und das hat Herr Müller gemacht.

ISCHINGER: Das hat dann Herr Müller gemacht. Ob das alle gemacht haben, weiß ich nicht. Es hat bestimmt viele Fälle gegeben, wo diese Flüchtlinge tatsächlich dachten, und ich kann das ja auch nachvollziehen, ich fange jetzt ein neues Leben an, und ich lasse das alles hinter mir. Ich lass das Bißchen, was ich an Möbeln, Vermögen, Eltern, Verwandte hatte, lasse ich hinter mir, ich möchte ganz neu anfangen, und es spielt doch gar keine Rolle, was ich hier in der DDR für ein Leben hatte. Das kann ich alles nachvollziehen, aber es war natürlich schon wichtig, dass wir hier sozusagen mit klaren Urkunden auf der westlichen Seite ankamen. Ich habe also die Stunden danach damit verbracht, in allen Abteilen immer wieder darauf hinzuweisen, dass das wichtig ist, dass wir jetzt nicht künstlich eine neue Figur erfinden, sondern dass man tatsächlich diese DDR-Daten nimmt, damit niemand hinterher sich dem Vorwurf ausgesetzt sehen muss, er hätte da irgendwas gefälscht und so weiter. Denn das wäre ja früher oder später rausgekommen. Und so ging dann die Nacht rum. Alle schlotterten vor Kälte und vor Angst. Und als der Zug dann tatsächlich hielt, in Plauen, in Sachsen, da stiegen dann diese DDR-Polizisten an Bord. Ich muss Ihnen sagen, das war grauenhaft, da habe ich selbst auch Angst bekommen, das waren nämlich große, stattliche Männer mit so langen Mänteln, die man so kennt aus klassischen Nazi-Filmen, so SS-Offiziere, so lange, lederartige Mäntel. Und in meinen Zug kamen die zu zweit und gingen quasi schweigend durch die Abteile. Ich habe mich denen vorgestellt, sagte, mein Name ist Ischinger, ich bin westdeutscher Diplomat. Ich bin hier der Betreuer dieses Zugs. Ja, ja. Und dann gingen die durch den Zug, der eine voraus: Ausweise! Dann nahm er die Ausweise und warf sie über seine eigene Schulter in den Sack, den der hinter ihm gehende zweite Mann (hatte). Und ich habe die begleitet, ich wollte die auf Schritt und Tritt nicht alleine lassen. Weil ich immer Angst hatte, die schnappen sich jetzt vielleicht einen, sagen: Sie stehen auf der Fahndungsliste oder sowas. Ich habe zum Glück in meinem Zug und auch in anderen Zügen – erfreulicherweise (ist) nichts dergleichen passiert. Aber ich konnte die Angst meiner anbefohlenen Schützlinge, die konnte ich nicht nur spüren, die konnte man riechen. Es roch nach Angst in diesen Zügen. Und ich habe so mitgelitten mit diesen Leuten, weil ich das nachvollziehen konnte. Was ist denn, wenn wir jetzt hier nachts um zehn in Plauen aus dem Zug gezogen werden, und wenn die dann mit uns, wie sagt man, Schindluder treiben, die DDR, und wir landen im Gefängnis, und wer kümmert sich dann um mich? Also diese Angst war durch den ganzen Zug hindurch, diese ganze Nacht hindurch das beherrschende Thema.

FINCK: Und hat sich dann in Freiheitsrufen entladen, als sie ankamen.

ISCHINGER: Im Morgengrauen fuhren wir über die Grenze. Von der Grenze nach Hof ist es nicht weit, das sind nur ganz wenige Kilometer. Man konnte ja schon an den Bahnschildern erkennen, aha, jetzt sind wir anscheinend auf westdeutschem Gebiet. Und ich kann Ihnen sagen, mein ganzer Zug, der bisher in entsetztem, panikartigem Schweigen verharrt hatte, alle steif gefroren durch diese eiskalte Nacht – plötzlich rissen die die Fenster auf – als sie merkten, jetzt haben wir die DDR hinter uns gelassen – rissen die Fenster auf, lehnten sich raus, als der Zug so langsam an Fahrt verlor und in den Bahnhof von Hof reinfuhr, und schrien zu vielen Hunderten, schrien Freiheit! Freiheit! Und ich habe dann gemerkt, dass ich von dieser, ja, das war so eine Art Massenhysterie, dass ich von dieser Massenhysterie voll erfasst war. Ich habe dann gemerkt, ich habe am lautesten mitgeschrien, obwohl ich eigentlich der Einzige war, der keinen Anlass hatte, sich jetzt über eine neue Lage zu freuen. Ich kam ja dahin, wo ich schon hergekommen war, nämlich in die Bundesrepublik Deutschland. Dann kam der Zug zum Halten. Das war alles gut organisiert, da waren Dutzende und Aberdutzende von Sanitätswagen, vom Roten Kreuz, da gab es heißen Tee und so weiter. Und ich bin also sozusagen im Vollgefühl des Erfolgs, dass wir das hingekriegt haben, die Leute sind jetzt da, es ist keiner geschnappt worden, es auch keiner krank geworden, niemand gestorben – ich springe also, steif gefroren, wie ich war, aus dem Zug, runter auf den Bahnsteig, und dann macht es in meinem rechten Knie, ganz laut, das könnte man hören, knacks. Ich habe dann die nächsten Tage erstmal in einer Klinik in Köln verbracht, wo man meinen Meniskus wieder zurechtoperiert hatte. Ich bin also durch dieses Ereignis – ich habe quasi einen Dienstunfall erlitten.

Musikakzent

FINCK: Die Rufe: Freiheit, Freiheit – hatten Sie denn in diesen vielen Stunden in der Nacht Gelegenheit, mit den Menschen dort darüber zu reden, was ihre Motive waren, also welche Art von Freiheit sie sich erhofften? Ging es um Meinungsfreiheit, um berufliche Freiheit?

ISCHINGER: Ach, wissen Sie, sehr unterschiedlich. Ich glaube, da gab es junge Leute, junge Männer, die wollten einfach weg. Die fühlten sich beengt in der DDR, waren vielleicht auch schon drangsaliert worden, hatten keine gescheite berufliche Perspektive. Aber es gab natürlich auch diese ganzen Familien, mit Mutter, Großvater, Kindern und so weiter, die tatsächlich nach einer Existenz suchten, die ja vermutlich eine Existenz hatten in der DDR und jetzt etwas Neues aufbauen wollten. – Ich erzähle Ihnen vielleicht eine kleine Geschichte, die mich wirklich sehr berührt hat. 10, 15 Jahre, vielleicht 20 Jahre nach diesem Ereignis sitze ich im Flieger von Berlin nach München. Und neben mir sitzt eine Dame im Lufthansadress, die offenbar mit dem Flieger mitfuhr, weil ihr Einsatz eben in München beginnen sollte. Ich war aber sehr beschäftigt mit meinen Papieren, weil ich wichtige Termine hatte in München, ich habe also mit ihr kein Wort gewechselt, bis kurz vor der Landung. Dann sprach mich diese Dame an und sagt, sagen Sie mal, ich sehe an Ihrer Tasche – da war so ein Anhänger dran – dass sie Ischinger heißen. Sagen Sie mal, sind Sie der Wolfgang Ischinger, der 1989 einen dieser Züge begleitet hat? Ich sage, ja. Warum fragen Sie das? Da sagt sie, ich saß in ihrem Zug. Ach! sag ich, Donnerwetter. Und was ist jetzt passiert, seit ’89, mit Ihnen? Sie haben eine Lufthansa-Uniform an. Ja, sie sagt, ich kann Ihnen mal sagen, was ich gemacht habe. Ich war damals 18. Ich habe meinen Eltern nichts gesagt. Ich bin einfach nachts abgehauen. Aber ich wusste, ich habe einen Freund, der es bereits nach Westdeutschland geschafft hatte, irgendwo nach NRW. Und nach der Ankunft in Hof habe ich mich also durchgeschlagen, der hat mich dort aufgenommen. Und ich hatte seit meiner Kindheit ein Ziel, was ich natürlich in der DDR nicht hätte verwirklichen können. Ich wollte Pilotin werden. Und dann habe ich mir erst mal beworben, an einen kleinen Flugplatz da in NRW, und habe den einfachen Pilotenschein gemacht. Mein Freund, der einen Job schon hatte, der hat mich da unterstützt. Und dann habe ich mich ein paar Jahre später bei der Lufthansa beworben, wurde als Anwärter genommen, und jetzt bin ich Pilotin, Flugkapitänin bei der Lufthansa, und fliege die ganz großen, dicken Brummer nach Singapur oder nach Los Angeles und so weiter. Und dann hat sie mich umarmt. Und ich sie. Und wir haben den Kontakt auch weiter gepflegt. Das, wissen Sie, ist mir in meiner ganzen diplomatischen Karriere nie wieder so deutlich geworden, was es für ein tolles Gefühl ist, wenn man in diesem Beruf, in dem man ja versucht, Kriege zu verhindern, Frieden zu schaffen, alles theoretische Konzepte, wenn man tatsächlich miterleben kann, dass man bei einem einzelnen Menschen mithelfen konnte, dessen Zukunft, dessen Träume, dessen Ambitionen, in diesem Fall deren Ambitionen, zu verwirklichen. Also, ich bin bis heute noch gerührt über den ganzen Vorgang, weil ich vermute, dass diese damals ganz junge Frau, dieses damals noch Mädchen, dass sie nicht die einzige war, die nach Ankunft bei uns im damaligen, ja noch nicht wiedervereinigten Deutschlands, das dauerte ja noch ein Jahr, die da einen guten Anfang, einen guten Start nehmen konnte und dann und hoffentlich auch bald dieses Trauma, diesen unglaublichen Stress der Flucht aus der DDR über Prag in den Westen hinter sich lassen konnte.

FINCK: Es gibt aber auch die andere Seite. Die andere Seite ist, dass wir heute in Teilen Ostdeutschlands demokratische Ernüchterung erleben, Staatsverdrossenheit, Zulauf zu populistischen, zu extremen Parteien. Jetzt ist mir klar, was ich Sie fragen werde, ist sozusagen die klassische Ein-Millionen-Frage. Ich stelle sie trotzdem: Wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet in jener Region, in der damals die Transformation begann, in der „Freiheit“ gerufen wurde, eingefordert wurde, dass dort heute so viele Menschen eine Partei wählen, die gegen offene Grenzen ist, die für nationale Abschottung steht und die deutliche Einschränkungen demokratischer, liberaler Rechte fordert?

ISCHINGER: Ich glaube, dass es dafür eine ganze Reihe, zum Teil sehr unterschiedliche Gründe gibt. Aber ich will gerne mal einen Grund versuchen zu beschreiben. Wir haben erlebt, dass die Menschen, die beispielsweise schon vor dem Jahr ‘89 über den Rechtsanwalt Vogel den Weg raus aus der DDR gefunden haben, oder dass sie geflüchtet sind über Bulgarien oder über andere Wege, das waren meist die Leute mit Ambitionen, mit Fantasie, mit der inneren Kraft, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und die meisten meiner Zug-Mitreisenden, meiner Zugflüchtlinge, waren eben auch Leute, die was wagen wollten und die was vorhatten und sich was vorgenommen haben und die bereit waren, ihr(en), wahrscheinlich im Prinzip ja durchaus in einem sozialistischen DDR gesicherten, zwar ärmlichen, aber gesicherten Lebensstandard – die bereit waren, das hinter sich zu lassen und was ganz Neues zu versuchen. Ich glaube, ein Teil des Problems ist, dass die innovationsambitionierten, jüngeren Menschen in großen Zahlen die DDR schon verlassen hatten, bevor sie überhaupt unterging, und ein weiterer erheblicher Teil der tatkräftigen, leistungskräftigen DDR-Bevölkerung ist dann auch dem Geld oder den Chancen nachgereist und nach Westen gereist, in den Jahren direkt nach der Wiedervereinigung. Die, die blieben, waren diejenigen, die nicht anders konnten, die entweder schon älter waren oder noch zu jung waren. Und ich glaube, für mich jedenfalls völlig nachvollziehbar, dass diese Generation sich abgehängt gefühlt hat, schon in den 2000er Jahren, und dass das eher noch zugenommen hat, weil es tatsächlich ja Landstriche gibt, in Sachsen-Anhalt oder in Mecklenburg-Vorpommern, wo die älteren Leute in den Dörfern einem erzählen, früher war es besser. Dann sagen wir, das können Sie doch nicht im Ernst sagen. Früher konnten Sie doch nie verreisen. Diese Leute wollen aber gar nicht verreisen. Die fragen sich, wieso muss mein Kind heute 20 Kilometer weit mit dem Bus in die nächste Großstadt gekarrt werden, um zur Schule zu gehen? Früher hatten wir hier eine Dorfschule, in der „guten alten DDR-Zeit“. Es geht manchmal auch um die kleinen Dinge des täglichen Lebens. Also ich glaube, es gibt sicherlich viele andere, auch politisch-strategische Gründe. Aber ich glaube, dieser Grund, dass die tatkräftige Bevölkerung, auch der Teil, der eine bessere Ausbildung hatte – eine erhebliche Zahl von Ärzten, Apotheker und sonstigen akademisch ausgebildeten Menschen, die waren längst in Dortmund oder in München oder in Regensburg oder in Kiel gelandet, weil sie dort die Chance sahen, ihrem Beruf in Freiheit nachzugehen. Und die, die zurückblieben, wurden mehr und mehr oder fühlten sich, nicht ganz zu Unrecht, mehr und mehr benachteiligt. Ich glaube, das ist (…), wie gesagt, sicherlich nicht der einzige, aber ein wichtiger Grund für das Problem, das wir heute haben.

FINCK: Ist vielleicht auch viel von dem Erbe damals, von der Zeit, verloren gegangen? Dass in den Schulen nicht unterrichtet worden ist, wie war es in der DDR, was passierte dann 89, 90? Geschichten wie die, die Sie jetzt heute mit uns geteilt haben, werden relativ wenig erzählt. Und die jungen Leute, die ja dieses Gefühl des Abgehängtseins der Alten nicht teilen können, die jüngeren Leute wissen aber sehr wenig über die DDR und über die Wendezeit.

ISCHINGER: Es wäre wünschenswert, denke ich, wenn meine Flugkapitänin und viele andere aus dieser Zeit, die ihren Lebenserfolg dann im Westen anpacken und verwirklichen konnten, es wäre wünschenswert, wenn viele dieser Leute gefunden werden könnten, um dort, wo sie früher mal als Jugendliche oder als junge Leute in der DDR lebten, um dort, wie sagt man, biblisch, Zeugnis abzulegen, um zu erzählen, wie es ihnen ergangen ist und warum das so ist. Ich glaube, da haben Sie vollkommen recht. Man muss diese Erinnerung an diese Aufbruchstimmung in der DDR, die Montagsdemonstrationen, die muss man wachhalten. Ich finde es übrigens auch – wir führen dieses Gespräch ja hier in Berlin – ich persönlich finde es auch, ehrlich gesagt, nicht wirklich gut, dass wenn ich Ausländer durch Berlin führe heute, dass ich relativ lange mit denen rumfahren muss, bis ich denen mal ein Stück der Mauer zeigen kann. Also, die junge Generation, die nach 1990 oder nach 2000 geboren sind, für die ist das ja theoretische Geschichte, dass wir hier in dieser Stadt diese Zweiteilung hatten, dass dort, wo heute mein Haus ist am Südrand von Berlin, dass dort, 50 Meter von meinem Haus entfernt, drei kleine Mahnmale sind für ein paar junge DDR-Männer, die versucht hatten, durch diesen Nebensee des Wannsees in die Freiheit zu schwimmen, und dann niedergeschossen wurden, ihr Leben verloren haben. All diese Geschichten sollten nicht in Vergessenheit geraten. Wir müssen das wachhalten und damit auch sozusagen diesen großartigen Freiheitsgedanken, den ich in dieser Nacht Anfang Oktober 1989 so dramatisch erleben durfte, diesen Freiheitsgedanken, den müssen wir wieder so zum Leben bringen, dass die Leute das Gefühl haben, ja, das lohnt sich, dieses Ziel zu verfolgen.

FINCK: Ganz herzlichen Dank, Herr Ischinger, für Ihr Gespräch, für die Zeit.

ISCHINGER: Ich danke Ihnen.

Musik

Was war – was wird

Der historycast des Verbandes der Geschichtslehrerinnen und -lehrer Deutschlands

Staffel 5: Über Grenzen. Transnationale Orte und Momente der Demokratiegeschichte

Folge 3: Prag 1989: Freiheits-Botschaft. Der Aufbruch nach Westen

Almut Finck im Gespräch mit Wolfgang Ischinger

Eine Kooperation mit der Stiftung Orte der Deutschen Demokratiegeschichte

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